-13-

„Hey!!!!“
Ich schrecke hoch. Gott, ich war eingeschlafen…
Lauri lag immer noch neben mir…. und Aki schaute uns lächelnd an.
„Wir sind da, kommt ihr?“
„Mh…ja….“ meine ich etwas verunsichert. Kein blöder Spruch, kein dreckiges Grinsen??? Häääää???
Er verschwindet wieder und ich wende mich fragend an Lauri. „Du lagst die ganze Zeit hier?“
„Naja, du hattest meine Schulter in Beschlag genommen und ich wollte dich nicht wecken, weil ich dich letzte Nacht ja schon nicht schlafen lassen habe.“
„Oh…“ Ich hatte mich an seine Schulter gekuschelt? „Danke.“
„Kein Problem, die Ruhe hat gut getan… bin bereit für die Menschenmassen, die kreischenden Mädels!“ sagte er voller Energie.
„Na dann ist ja gut.“

>>>>><<<<<

Während des Konzerts kann ich meine Augen wieder nicht von Lauri lassen. Er ist wie ein Magnet und zum ersten Mal verleit mir seine Stimme eine Gänsehaut.
Er ist anders… so besonders … seine ganze Art fasziniert mich…

Als die Show vorbei ist kommt Aki irgendwie… besorgt auf mich zu. Sollte er nicht total hippelig sein? Wie nach jedem anderen Konzi?
„Tuuli geht es dir irgendwie nicht gut?“ Ist das sein Ernst.
„Doch klar, alles in Ordnung, wieso sehe ich so aus?“ Automatisch fasse ich mir ins Gesicht.
„Nein, du hast die ganze Zeit nur so komisch geguckt…“ Er legt seinen Kopf schief und sieht mich eindringlich an.
„Aki, es ist nichts. Glaub mir!“
Seufzend kratzt er sich am Kopf und überlegt….lange…
„Weißt du, ich sollte dir glaub ich mal was erzählen…“
„AKIII!!! Kommst schon!!!“ brüllt Pauli, der mit den anderen schon fleißig am Autogrammen schreiben ist.
„Was willst du mir erzählen?“ frage ich gleich.
„Das geht jetzt nicht so auf die Schnelle. Wir reden nachher, ja?“
Gezwungen nicke ich. Jetzt hat er mich aber neugierig gemacht… doch ein wenig Angst habe ich auch… er war so ernst…

-14-

Wir sind wieder auf dem Weg zum Bus.
„Und wie waren wir?“ knufft mich Lauri in die Seite.
„Super!“ lächle ich ihn an. „Wie immer, einfach nur genial!“
Er steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen. „Danke. Weißt du was, ich habe grade voll Bock auf Playstation und ich brauch mal ne neue Gegnerin, die anderen zocke ich immer ab…“
„Und du meinst, ich als Mädchen hätte bessere Chancen?“
„Naja, wenn es um logisches Denken geht, seid ihr ja gar nicht mal so schlecht.“ sagt er total locker.
„Mal sehen, ob ich auch so bin“
„Mit Sicherheit.“
„Tuuli, hilfst du mir grad mal?“
„Was ist denn Aki?“ rufe ich nach hinten.
„Warte mal bitte!“
Ich bleibe stehen, Lauri läuft weiter.
„Hier, ich bekomme meine Jacke nicht zu“ sagt er gequält, was ich ihm irgendwie nicht so abnehme.
„Wir stehen 10 Meter vorm Bus. Du brauchst keine Jacke“ meine ich trocken.
„Hast recht“ grinsend legt er einen Arm auf meine Schulter und marschiert wieder los.
„Aki, was soll das?“ Ich drehe ihn zu mir um und sehe ihn eindringlich an.
Kurz zögert er. „Du hast dich in ihn verliebt oder?“ fragt er mit einem traurigen Unterton.
„Was… ich… in Lauri? Nein… also…“
“Du hast ihn das ganze Konzert über angestarrt… und zwar mit diesem verträumten Blick!“
„Ich… nein….Ich mag ihn, ja, aber nicht so…“ …glaub ich…
„Dann hoffe ich, dass es noch nicht zu spät ist.“
„Was zu spät?“ frage ich lauter. Er soll endlich mit der Sprache rausrücken.
„Tuuli, Lauri steht nicht auf Mädchen.“

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*klapp* „Was… du meinst…?“
Aki nickt. Der Bus startet den Motor.
„Sag Pauli und Eero nichts, sie sollen es nicht wissen, deshalb hab ich dir zunächst auch nichts gesagt.“ meint er noch. Dann steigen wir in den Bus.
„Hey Tuuli, hier los geht’s!“ Lauri hält mir grinsend einen Player entgegen.
„Nein, Lauri jetzt nicht, morgen vielleicht“ sage ich monoton geradeausstarrend und verkrieche mich wieder im Koje.
Wie kann das…? Sind Schwule nicht immer ganz anders? So etepetete und schleimig? Oder ist das nur in den Filmen so… Sind sonst alle wie Lauri? Ach du Scheiße, wie konnte ich mich so täuschen lassen?!
Klar, dass er nichts gesagt hat, als wir zusammen im Bett geschlafen haben.
Als er bei mir im Koje lagen und Aki plötzlich da war… er hat sich nichts bei gedacht… weil da gar nichts laufen hätte können!!!
„Ich bin ja so bescheuert!!!“ fluche ich über mich selbst und schlage mir mit der flachen Hand gegen die Stirn.
„Wieso denn das?“
Boah, hat mich Lauri jetzt aber erschreckt…
„Nichts nichts….“ winke ich ab.
„Doch erzähl… ich sags auch niemandem weiter.“ meint er, wie ein kleiner Junge und kriecht wieder zu mir.
Ich liege hier mit einem Schwulen im Bett… ach du Scheiße… und es ist ganz normal… nichts Besonderes…!!
Schon bei dem Gedanken, wie er einen Mann küssen würde, wird mir ganz komisch… Er ist doch gar nicht der Typ. Okay ein bisschen eitel ist er, aber das sind doch viele Heteros….
„Weißt du, ich dachte… Geschwister erzählen sich immer alles“ fängt er plötzlich an.
Oh Gott, ahnt er was? Meine Augen weiten sich.
„Ich war mir eigentlich sicher, dass es dir Aki erzählt hat.“
Also.. meint er jetzt DAS? Oder was anderes? Nicht, dass ich jetzt was Falsches sage.
„Was meinst du?“ meine ich scheinheilig.
Ein Lächeln schleicht sich auf sein Gesicht. „Jetzt tu doch nicht so“
„Wieso wissen es deine anderen Kollegen nicht.“ versuche ich erstmal von mir wegzulenken.
„Ach ich weiß nicht, umso mehr es wissen, desto schneller kann sich mal irgendjemand verquasseln und wenn das rauskommt, sind wir geliefert.“
„Stimmt, die `Lauri-Kreischies` seid ihr los.“
„Genau und die brauche wir leider um Erfolg zu haben.“
„Aber ich meine, die zwei merken das doch, wenn du nie an irgendeiner Frau Interesse zeigst oder so. Ihr hängt doch Wochen, Monate aufeinander.“ stelle ich fest.
„Was meinst du wie viele Mädchen ich schon hatte“ stöhnt er genervt. „Am Anfang hing jeden dritten Tag ne neue an mir. Dann ein paar Jahre später war ich auf einmal auf was Ernstes aus, doch niemand wollte mich. Immer haben sie sich für eine Nacht auf mich eingelassen und waren am nächsten Morgen wieder verschwunden. Einige hielten es auch Wochen oder Monate mit mir aus… aber nur weil ich ja sooo berühmt bin… es waren viele dabei, in die ich mich verlieben hätte können oder es schon längst getan hatte und immer wieder wurde ich vor den Kopf gestoßen. Ich habe einfach genug vor Mädels und das habe ich den anderen auch gesagt. Nur sie würden nie darauf kommen, dass ich die Ufer gewechselt habe, sie denken, das ist nur so eine Phase von mir.“
„Also ist das noch gar nicht lange so?“
„Nö, drei-vier Monate vielleicht. Ich hatte auch noch nie was mit einem Mann…“
„Und wieso bist du dir dann so sicher, dass du…?“ Ich bringe das Wort nicht über die Lippen.
„.. , dass ich schwul bin?“ grinst er. „Ganz einfach, ich war noch nie abgeneigt gegen Männer, ich fand das noch nie eklig, wenn sie sich geküsst haben oder so… und da ich keine Frau mehr will… könnte ich mir das andere schon irgendwie vorstellen…“

-16-

„Und wenn du plötzlich deine große Liebe, eine Frau finden würdest?“ will ich wissen.
„Das mach ich nicht.“ sagt er ernst. „Ich verliebe mich nicht mehr in Frauen…. Nie wieder!“
„Ja aber … Gefühle kann man doch nicht steuern…“
„Doch, ich habe damit abgeschlossen. Mehr als Freundschaft lasse ich nicht mehr zu.“
Er hört sich sehr sicher an. Kann man so was echt einfach abschalten?
In meiner Tasche beginnt es zu vibrieren. Schnell krame ich mein Handy heraus und nehme am.
„Ja, Mama?“
„Tuuli, es ist was Schlimmes passiert“ schlurzt sie am anderen Ende.
Meine Augen weiten sich. „Mam, was ist los?“
„Papa, er… er … er“
„Beruhig dich erst mal. Was ist mit Papa?“ meine Stimme, mein ganzer Körper zittert.
Lauri keift meine linke Hand, wofür ich ihm sehr dankbar bin.
„Mam?“ flüstere ich in den Hörer und spüre Tränen in meinen Augen. Ich bekomme keine Antwort. „MAMA???“ rufe ich verzweifelt. …tüt…tüt…tüt….
„Nein … nein…nein“ schniefend starre ich auf mein Handy.
„Was ist los? Was hat sie gesagt?“ kommt es leise von Lauri.
„Ich muss nach Berlin. Ich muss sofort nach Hause!!!“

-17-

Weinend renne ich zu meinem Bruder. „Du musst mich nach Hause bringen, bitte. Ich glaube mit Pa ist irgendwas passiert und Mama ist grade am Telefon zusammengebrochen. Bitte Aki, ich muss zu ihr!!!“
„Tuuli, ganz ruhig, bist du dir ganz sicher?“ beruhigend streichelt er mir über den Kopf.
Ganz schnell nicke ich, er steht auf und läuft nach vorne zum Busfahrer.
Pauli und Eero schauen mich traurig an. Lauri setzt sich und legt seinen Arm um mich. Ich vergrabe meinen Kopf in seinem Shirt, fange wieder hemmungslos an zu heulen.

Irgendwann taucht Aki wieder auf. „Mit dem Bus dauert es zu lange, ich hab Kai angerufen. Er sagt das heutige Konzert ab und fährt Tuuli und mich nach Berlin.“
„Was?“ ich erhebe mich. „Nein, nicht das Konzert absagen. Aki, du bleibst hier!“
„Nein, ich komme mit, keine Widerrede.“ Er schließt mich in seine Arme. „Es wird alles gut, keine Sorge.“

>>>>drei Stunden später<<<<

Ich schließe hektisch die Haustür auf und stürme in den Flur, gefolgt von Aki.
„MAMA? BIST DU DA?“ Keine Antwort.
Das Telefon sieht unberührt aus. Sie ist nirgends zu finden.
„Aki wir müssen ins Krankenhaus, vielleicht ist sie ja da.“ Er nickt.
Mir fällt ein kleiner Stein vom Herzen, ich dachte schon, ich finde meine Mutter bewusstlos am Boden.

Noch einen Kilometer bis ins Krankenhaus.
„Aki, ich bin so blöd“ kommt mir plötzlich ein Gedanke.
„Wieso?“
„Sie hat von ihrem Handy aus angerufen, ist doch klar, dass sie nicht zu Hause war.“

>>>Anmeldung<<<

„Hallo, ich suche Susanne Brede.“ sage ich hektisch. „…oder Martin Brede.“
füge ich noch hinzu. Vielleicht ist er ja auch hier…?
„Sie sind?“
„Die Tochter, Tuuli Brede.“
Sie nickt und hört auf, auf der Tastatur rum zu tippen.
„Sind sie hier?“
„Ja, ihr Vater wird gerade Not operiert. Er hatte einen Herzinfarkt. Es ist nicht sicher ob er durchkommt.“
Und das sagt sie so locker. Ich verliere beinahe das Gleichgewicht, stütze mich dann jedoch an dem Schreibtisch ab.
„Susanne Brede?“ frage ich leise.
„Frau Brede liegt in Zimmer 304, hatte vor etwa vier Stunden einen Kreislaufkollaps, als sie telefoniert hat. Sie ist wieder bei Bewusstsein, jedoch noch geschwächt.“
Liest sie das alles am PC ab? „Danke“ sage ich nur, schnappe Akis Hand und stürme in den Fahrstuhl.

-18-
Vorsichtig klopfe ich gegen Zimmertür 304 und gehe, ohne auf ein `Ja bitte?` zu warten, rein.
„Mam!“ ich nehme ihre Hand. Sie öffnet ihre Augen zur Hälfte und ein Lächeln schleicht ihr kurz übers Gesicht. „Du bist da.“ haucht sie bloß.
„Ja, Aki ist auch hier.“
„Das ist schön.“ Sie stützt sich auf dem Bett ab und setzt sich hin.
„Mama, sag, was ist passiert?“
„Er…er lag plötzlich da.“
„Wo?“
„In der Küche… er wollte gerade Rühreier machen…“
„Und dann?“
„Er hat auf nichts reagiert, ich hab alles versucht. Zum Schluss hab ich dann den Notarzt gerufen.“ Ihre feuchten Augen blicken mich traurig an. „Als ich dich angerufen habe, wurde er in den Op gefahren. Ich habe so Angst, dass er’s nicht schafft.“
„Wie lange dauert es noch?“ meldet sich Aki hinter mir.
Verzweifelt schüttelt sie den Kopf. „Ich weiß nicht… sie sagen ja nichts, die blöden Ärzte!“ Mam nimmt ihre Hände vors Gesicht und beginnt zu schlurzen.
„Mama, es wird alles wieder gut, glaub mit. Papa ist doch stark. Der schafft das!“
„Und wenn nicht? Was soll ich dann bitte machen? Dann gehst du noch weg und ich bin ganz alleine.“
„Ich werde nicht weggehen. Ich bleibe bei dir.“
„Versprochen?“
„Ja, versprochen.“
Ein zaghaftes Klopfen. „Herein?“ übernimmt Aki und ein Mann im blauen Umhang kommt auf uns zu.
„Herr Doktor, was ist? Wie geht es ihm?“ fragt meine Mutter gleich und drückt ganz fest meine Hand.
Der Mann hebt seinen Kopf und ein, die Wahrheit wissendes Gesicht blickt uns entgegen.
„Nein.“ sagt meine Mutter fassungslos. Weiß sie es etwa schon…?
Ich stehe auf. „Sagen Sie jetzt nicht, dass er tot ist!!!“
„Es tut mir leid.“
„Was? Nein… das können Sie nicht…“ bestimmte ich.
„Er hat es leider nicht geschafft.“
Ungläubig schüttel` ich den Kopf. „Nein…“
Aki nimmt mich wortlos in seine Arme und ich starre einfach nur an die kalte, weiße Wand.
… das ist alles nur ein böser Alptraum… gleich wache ich bestimmt wieder auf…
-19-
>>>zwei Wochen später<<<
Ich sitze meiner Mutter gegenüber und frühstücke. Seit Tagen schon schweigen wir uns fast nur an. Irgendwie habe ich Angst was Falsches…. `Alltägiges` zu sagen, denn der Alltag ist vorbei. Außerdem können wir doch nicht einfach so weiter machen, als sei nichts passiert…
Er ist weg… und wird nie wieder kommen!
Aki war gleich am nächsten Morgen wieder mit Kai gefahren. Ich hätte es zwar besser gefunden, wenn er noch ein wenig geblieben wäre – am besten, für immer- doch das ging logischerweise nicht.
Ich schlucke meinen letzten Bissen herunter und lege das Messer aufs Brettchen. „Mam?“ flüstere ich beinahe.
Sie schaut kurz auf. Ihr Augen sind angeschwollen, rot… wie die letzten vierzehn Tage zuvor auch.
Ich kann das irgendwie nicht, vor ihr. Meine Trauer lebe ich lieber alleine aus, denn ich muss meiner Mutter Halt geben. Sie darf nicht zu tief fallen, muss irgendwann ihr Leben wieder in die Hand nehmen. …Doch diese Zeit kommt erst noch.
„Aki… und die anderen… sie geben heute Abend das letzte Konzert ihrer Tour… und zwar in Berlin.“
Eigentlich hätte ich gerne mal wieder ihre Stimme gehört, doch sie zuckt nur mit den Schultern.
„Wollen wir vielleicht hingehen?“ frage ich vorsichtig. „Aki hat uns eingeladen.“
Wieder bekomme ich nur ein Kopfschütteln zur Antwort.
„Und wie wäre es, wenn sie uns davor mal besuchen?“
Sie scheint zu überlegen, denn sie schaut einmal quer durch den Raum und dann wieder zurück zu mir. „Vielleicht ist das mit dem Konzert doch keine so schlechte Idee.“
Dankend lächle ich sie an. „Dann siehst du Aki spielen und lernst danach die anderen mal kennen.“ sage ich ruhig.
„Aber nicht so lange okay?“
„Nein, ist schon gut, ich bin doch froh, dass du überhaupt mitkommst.“ …auch wenn ich weiß, dass du es nur für mich tust….
-20-
Ich drehe mich noch einmal um, schaue zu meiner Mutter, die an der kalten Wand lehnt und in den Himmel sieht. Dann wähle ich Akis Nummer.
„Aki? Wir sind da.“
„Wo genau?“
„Mh… keine Ahnung, auf jeden Fall weit weg von der Menge vor der Halle, irgendwo dahinter…“
„Lauri holt euch.“ sagt er wieder knapp.
“Wieso Lauri?“
„Ich kann grad nicht…bis gleich.“
Er hat aufgelegt. Mh… komisch…
Ich gehe zu Mam, nehme ihre Hand und ziehe sie leicht in die Richtung, wo ich den Hintereingang vermute. Hintereingang muss doch HINTER der Halle sein oder? Vielleicht auch irgendwo an der Seite… nein, dann wäre es ein Seiteneingang.
Ich vernehme ein leichtes Knarren und schon schaut ein schwarzer Mützenkopf um die Ecke. „Hallo Lauri!“ rufe ich und winke ihm entgegen. Meine Mam scheint immer noch abwesend zu sein. Sie interessiert es nicht, wem ich da zurufe, schaut nur wieder auf den Boden und macht sich `Was wäre, wenn…` Gedanken. Aber könnte sie sich nicht mal für zwei Stunden zusammen reisen? Gut es ist schwierig, aber so zieht sie die ganze Stimmung runter. Ich hoffe nachher lässt sie ein wenig Ablenkung zu. Das Konzert soll doch keine Qual für sie sein, so war das doch nicht geplant….
Ich bin bei Lauri angekommen und umarme ihn kurz, was ich sofort danach wieder bereue… Dieser Geruch… diese Wärme….
„Lauri, das ist meine Mutter.“ stelle ich sie vor, um mich auch selbst abzulenken.
Zu meiner Verwunderung lächelt sie kurz und bringt sogar ein relativ freundlich klingendes `Hallo` über ihre Lippen.
Lauri führt uns rein, wir laufen einen langen weißen Gang entlang. Das übliche Hin und Her Gerenne von irgendwelchen Kabel-Futzis ist ja nichts Neues…Mam`s Hand habe ich immer noch fest umschlossen…
„Was macht Aki eigentlich?“ will ich wissen.
„Weiß nicht.“
„Wie du weißt es nicht?“
Lauri lächelt mich an. „Wirst du gleich sehen.“ Aha, also weiß er es doch.
„Mh… jetzt machst du mich neugierig“ murmele ich und bin froh, dass wir kurz danach bei der Tür angekommen sind.
„Ich hoffe ihr habt noch nichts gegessen.“ grinst Lauri nur und öffnet sie gentlemanlike.
Mir steigt sofort ein Duft von Tomaten in die Nase und ich sehe Aki auf uns zu kommen. „Hallöchen ihr zwei.“ sagt er gut drauf, aber nicht zu übertrieben und schnappt sich gleich Mam um sie aufs Sofa zu führen.
„Ihr habt doch bestimmt Hunger, oder? Der Catering-Spaß ist nämlich leider schon abgebaut und deshalb haben Eero und ich…“
“Hey, ich hab auch mitgemacht!“ unterbricht ihn Lauri.
Aki seufzt. „Ja und Lauri, wir haben  Nudeln mit Tomatensoße gemacht. Das ist voll die Premiere, vorher hatten wir nie so nen Wurstzeug drinne, also genießt es.“
Wurstzeug? Skeptisch blicke ich erst zu Pauli, der etwas ungläubig dreinschaut, und dann zu Mam, die plötzlich über beide Ohren grinst.
“Das ist aber nett Aki.“ sagt sie dankend und nimmt die Servierte vom gedeckten Tisch, um sie sich auf den Schoß zu legen. Das zu sehen, lässt meine Laune gleich steigen und auch ich setzte mich hungrig neben sie. „Gut, dann lasst mal eure Kochkünste sehen.“
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„Aki, das habt ihr toll gemacht. Schmeckt sehr gut.“ lobt meine Mutter und isst das erste Mal seit langem mit Freude. Die `Köche` schauen uns stolz zu, essen selbst aber nichts…
Kann ich verstehen, wenn ich ehrlich bin, irgendwie schmeckt das komisch…
Naja, höflicherweise muss ich da jetzt durch… Lauri hat anscheinend meine angewiderte Miene gesehen, die ich für einen Moment leider nicht verstecken konnte, und kichert sich einen ab.
„Was ist, Tuuli? Schmeckts dir nicht? Sei ehrlich, du musst es nicht essen.“ sagt Aki gleich, doch ich schüttel nur lächlend den Kopf. „Nein nein, es ist vorzüglich!“ sage ich übertrieben und nehme als Beweis gleich eine extra große Gabel in den Mund.
Boah… wenn ich raten sollte, was da alles drinne ist, würde ich auf Ketchup, Zwiebeln, Wiener und das Schlimmste, Kümmel (!) tippen. Es ist zwar nichts Schwarzes zu sehen, doch der Geschmack ist hundert Pro da. Bäh… so was gehört doch nicht zu Nudeln… na ja, wenn es nach mir ginge, zu gar nichts…
Die Tür wird aufgerissen und Kai schaut böse in die Runde.
„Was haben wir denn jetzt schon wieder angestellt?“ stöhnt Pauli genervt auf.
„Spitzt mal die Ohren, Männer.“ antwortet er giftig und bringt uns so zum Schweigen.
Ich weiß was er meint. Denn meine Uhr verrät mir, dass es langsam Zeit für den Auftritt wird und die kreischenden Fans sehen das genauso.
„Oh.“ sagt auch Aki wissend. „Ist es schon so weit?“
„Du sagst es Alter!“ Pauli schlägt ihm auf den Rücken und läuft schon mal vor… gefolgt von Lauri und Eero.
„Dann…äh, sorry, esst noch in Ruhe auf und dann kommt ihr mit nach vorne ja?“ fragt Aki schnell und flitzt, ohne auf eine Antwort zu warten, hinterher.
Erleichtert lasse ich die Gabel fallen. „Na Gott sei dank…“
„Was Gott sei dank?“ fragt meine Mutter kauend.
„Findest du das Essen etwa lecker? Ich finde es scheußlich.“ meine ich ehrlich und kippe das Zeug in den Mülleimer.
„Mh…“ grübelnd blickt die auf den fast leeren Teller. „Es ist jetzt nicht das Beste, aber…“ Sie bricht ab.
„Kommst du mit?“ ich stehe in der offenen Tür.
„Ja. Wir gehen aber doch nicht in die Menge oder?“
„Nein, also ich stelle mich immer neben die Bühne, ist sowieso der beste Platz von allen. Und der bequemste noch dazu…“
Während des Konzertes wippt meinen Mam ab und zu mit und hat ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Sie blickt zu Aki, als ob er ihr eigener Sohn wäre und sie total stolz sei…
Ich glaube sogar für einen Moment hat sie alles vergessen…
Danach sitzen wir noch ein wenig Backstage und reden über die Band. Meine Mam will alles wissen und quetscht jeden aus, vor allem Aki redet sich den Mund fusselig, was ihn aber wenig stört.
„Wie geht es dir?“ fragt eine leise Stimme neben mir.
Ich blicke in unsichere grüne Augen und nicke nur. „Geht schon…. Ich meine, es muss ja!“
„Ja, das Leben geht weiter.“ meint Lauri.
Mam erhebt sich plötzlich vom Sofa. Es ist 23 Uhr „So, ich werde dann mal nach Hause gehen. Ich danke euch für den schönen Abend.“
Auch ich ziehe meine Jacke an. „Nein Tuuli, bleib ruhig hier, feiert noch ein wenig und verabschiede dich in Ruhe.“
„Ich kann dich aber nicht alleine…“
„Doch ich kann selber laufen… keine Sorge.“ grinst sie.
„Okay… danke.“ Ich umarme sie und Aki führt sie raus.
Genau Tuuli, deine Mutter ist alt genug… ich tue ja gerade so als ob ich die jenige wäre…
„So Schwesterherz.“ Aki wirft sich fünf Minuten später seinen Pulli über die Schulter. „Dann zeig uns mal das schöne Nachtleben von Berlin!“
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„Bar oder Disco?“
„Bar.“
„Okay, dann hier lang.“ Ich kenne viele davon, aber leider nur von außen, keine Ahnung welche am Besten ist.
Fünf Minuten später kommen wir in einer Straße an, die nur aus Cafès und und Bars besteht und die Jungs fühlen sich gleich, irgendwie… heimisch?
„Wow geil, so dann fangen wir gleich hier vorne an und arbeiten uns nach hinten durch.“
Oh Gott, wie sollte ich diese Nacht überstehen?
Die erste, die von draußen unglaublich gemütlich aussah, ist zu meinem Erschrecken eine Chichabar. An Ende steht eine riesen … Bett, kann man schon fast zu sagen.
„Geilo“ freut sich Pauli gleich und wir nehmen darauf um zwei dieser Dinger Platz. „Fruchttabak!!! Ich will Fruchttabak!!!“ ruft er durch den ganzen Laden, doch logischerweise versteht niemand Finnisch.
„Fruchttabak? Sowas gibt’s?“ blicke ich ungläubig zu Lauri. „Ja, der schmeckt unserer Meinung nach am besten. Ich denke mal, dass es den in Deutschland auch gibt.“
Und tatsächlich. Eero bestellt noch mal auf Deutsch und kurz darauf, sind alle am ziehen und entspannen. „Wolltet ihr nicht feiern?“ frage ich noch mal Lauri, als ich in die müde Runde blicke.
„Das kommt noch, das kommt noch.“ winkt er chillig ab und hält mir grinsend den Schlauch hin. „Willst du nicht auch mal?“
„Nein, danke.“
Leute betreten die Bar. Eine Gruppe Jugendliche…so 16-18 Jahre, die meisten Augen sind auf die Band gerichtet. „Sind das nicht die Shadow-Schwuchtel?“ kann ich zwischen dem Getuschel heraushören.
„Was haben die grade gesagt?“ wendet sich Aki in mich.
„Sie haben sich gefragt ob ihr nicht diese tolle Band seid.“ lüge ich ihn an.
„Klar sind wir das!“ ruft er auf Englisch zu ihnen rüber.
Ach du Scheiße….
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„Tuuli, warum lachen die?“
„Ach Aki, das ist normal bei Deutschen... die ham bestimmt auch schon einiges getrunken.“ versichere ich ihm.
Puuhhh… noch mal gut gegangen…
„Ähm…Leute…“ meldet sich Eero. „Der Pauli schläft hier gleich ein.“
“Ja, genau, lass mal weiter gehen.“ sagt Lauri und pfeift schon mal den Kellner herbei.
„Menno, des war grade sooo gemütlich.“
“Schlafen können wir nachher auch noch, Pauli“ meckert Aki. „Wir trinken jetzt erstmal nen ordentlichen Schoppen!“
Fünf Minuten später betreten wir den nächsten Qualmladen. Hier ist mehr los und die Musik ist auch um einiges lauter.
Wir setzen uns an einen großen Tisch und anscheinend ist es hier üblich, dass die Gäste zur Begrüßung ein Glas Sekt bekommen. Da ich nicht zu kleinlich sein möchte, trinke ich ihn und erhasche dadurch verwirrte Blicke von Aki.
„Ein Glas schadet doch nichts oder?“ grinse ich ihn an.
Er hebt seine Hände. „Vor mir brauchst du dich zu rechtfertigen, wenn es um Alk. geht, bin ich einer der Schlimmsten.“
„Ja das ist richtig.“ lacht Lauri. „Wenn er anfängt auf den Tischen zu tanzen, weißt du, dass er zu viel hatte.“ flüstert er mich noch zu.
„Wow, sehr schlau. Hast du das herausgefunden?“ giggele ich und bekomme einen Knuff in die Seite.
„Ich sag dir gar nichts mehr!“ Lauri dreht sich von mir weg.
“Schmollt der Lauri jetzt?“ frage ich Aki heimlich.
„Ja, der ist wie nen kleines Kind. Bei jeder Kleinigkeit ist der beleidigt.“
„Stimmt doch gar nicht!“
„Und er streitet Wahrheiten immer ab.“
„Hey!“
Ich beginne zu lachen. Gut, dass ich zwischen den beiden sitze, da kann ich alles miterleben.
„Ich bewerfe dich gleich mit Wattebällchen, bis du blutest!“ droht Lauri plötzlich und Aki wirft ängstlich die Hände vor die Augen. „Nein bitte nicht, das hast du schon mal gemacht.“
„Könnt ihr mal bitte aufhören?“ Eero deutet ernst auf die Kellnerin, die gerne neue Bestellungen aufnehmen möchte.
Sollte ich vielleicht auch mal was Alkoholische nehmen?
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„Hier… der sieht doch lecker aus.“ Als ob Lauri Gedanken lesen konnte, hält er mir die Getränkekarte unter die Nase und zeigt auf einen….  Longdrink.
„Mh… okay, dann nehme ich mal einen.“
Lauri lächelt und bestellt für mich mit. Dann dreht er sich wieder zu mir. „Und wehe du entscheidest dich gleich um!“
Hallo? „Wieso willst du denn unbedingt, dass ich Alk. trinke?“ …er hat doch am wenigsten davon…
„Du hast gesagt, dir schmeckt er nicht und ich will dir nur zeigen, dass er das sehr wohl tut!“
Ich schaue ihn ungläubig an, was ihn ein wenig verunsichert. „Ach keine Ahnung… aber es ist doch blöd als einzige nüchtern zu bleiben, oder?“ fragt er ernst.
„Mh… ja da hast du Recht… es ist sehr nervig.“
“Also!“ freut er sich über meine Einsicht. „Und wenn du mittrinkst hast du genauso viel Spaß wie wir. Nagut, Eero ausgenommen… aber der kann sich anpassen!“
„Aha.“ Ich frage lieber nicht weiter nach, was er damit meint.
>>>eine Stunde später<<<
„Hab ich den schon proooobiert?“ Ich versuche mit dem Finger in der Karte ein Bild zu treffen.
„Du hast erst drei probiert. Dir fehlen noch einige.“ grinst Lauri und hält meine Hand fest. „Du Aki, deine Schwester ist schon ganz schön knülle.“
„Bist du doch dran Schuld, wer hat sie denn überredet?!“ kommt es gereizt zurück.
„Aki, wasn los?“ Ich lehne mich an seine Schulter und schaue mit einem Dackelblick zu ihm hoch.
„Ach nichts…“ winkt er ab. „Trink bloß nicht mehr so viel, ja?“
„Ich bestell mir ne Cola, okay?“ sage ich, damit er nicht mehr sauer ist…. Auf wen, und warum auch immer…. Doch ich mag es nicht, ihn so zu sehen. Das würde meine Laune runter ziehen und die ist doch gerade sooooo guuuut!!! *hiks*
Mann… ich vertrage echt gar nichts…
-25-
Stimmungsschwankend rühre ich mit dem Strohhalm in meiner Cola rum, als mir plötzlich Bilder der Beerdigung in den Kopf schießen…
Ich lasse sofort alles liegen. „Muss kurz aufs Klo“ mit diesen Worten stehe ich auf und gehe im Schnellschritt zu den Damentoiletten.

Mein Gegenüber betrachtete mich traurig. Ich haue mir erstmal eine Ladung Wasser ins Gesicht und stütze mich dann auf dem Waschbecken ab … bin alleine… keine andere Menschenseele hat gerade das Bedürfnis hier zu sein.
Am liebsten würde ich jetzt nach Hause gehen…
Ist es normal, dass, wenn man etwas getrunken hat, die schlimmsten Bilder überhaupt wieder ins Gedächtnis gerufen werden?
Ich hatte es doch so schön verdrängt…das Ganze mit meinem Vater…
Seufzend gehe ich in die Kabine, schließe ab und lasse mich auf den geschlossenen Klodeckel fallen. Tieeeef durchatmen….
„Tuuli?“
Ich zucke zusammen.
„Bist du hier drinne?“ zaghaft klopft jemand gegen meine Tür. Von der Stimme her würde ich sagen, es ist Aki.
„Ja, ich komme gleich.“
„Gut, ich hab mir schon Sogen gemacht, du warst so lange weg.“ sagt er erleichtert.
Ich drücke die Spülung, als Zeichen dafür, dass ich echt `nur` mein Geschäft erledigt habe.
„Aki, du brauchst nicht auf mich warten.“ meine ich, weil ich das Gefühl habe, dass er immer noch da steht.
„Ach so ja… okay… bis gleich.“ … ich hatte Recht…
>>>01:00 Uhr<<<
Wir laufen durch die dunklen Straßen. Nur die Straßenlaternen spenden Licht, der Mond ist, durch die vielen Wolken, nicht zu sehen.
„Ich sag dir, die Hotelbar ist einfach nur geilo. Wir haben die vorhin gesehen und uns gesagt, dass wir da heute Abend auf jeden Fall noch hinmüssen…“
Es ist nicht mehr Abend… sondern Morgen… „Aha.“ antworte ich Aki monoton.
„Und du schläfst einfach mit im Hotel. Morgen fahren wir dich dann nach Hause.“
„Schön, dass du für mich alles planst.“ lächle ich. „Nur das geht nicht, weil Mam nicht Bescheid weiß und wenn sie morgen aufwacht…“
„Mach dir keine Sorgen.“ unterbricht er mich. „Ich hab sie schon drauf vorbereitet.“
„Hä? Du wusstest vorhin schon, dass….“
Er nickt.
>>>01:15 Uhr<<<
Ich betrete als Erste ein sehr luxuriöses Hotel, was ich sonst nur von außen zu Gesicht bekomme. „Wooow…“ Mitten in der großen Halle bleibe ich stehen und schaue an die Decke, die mit vielen Kunstwerken versehen ist.
„Tuuli komm, das kannst du dir moin auch noch angucken, da drüben ist die Bar!“ ruft mir Aki zu und ich gehe, immer noch die Augen nach oben gerichtet, in die Richtung, wo ich meinen Bruder vermute… als ich plötzlich gegen eine Person stoße, die ich schon nach einer Millisekunde am unbeschreiblichen Männerpafum erkenne. „Oh, Sorry“
„Kein Problem“ lächelt mich Lauri an und berührt aus Versehen meine Hand. Also… ich denke mal, dass es aus Versehen war...
„Willst du nicht mit?“ frage ich, weil er keinerlei Anzeichen macht, sich in die besagte Bar zu begeben.
„Nein, ich gehe hoch… bin müde. Eero ist auch schon gegangen…“
Also… ich mit Pauli und Aki alleine… na toll…. „Nagut, dann schlaf gut… ich mach auch nicht mehr solange.“
„Ja, gute Nacht.“ Er nickt mir kurz zu und geht dann an mir vorbei in Richtung Fahrstuhl.
Na der Abend wird ja immer besser…. seufz….